Offenes Gerinne (Manning-Strickler)

Fließgeschwindigkeit · Durchfluss Q · Sohlgefälle · Hydraulischer Radius · Froude-Zahl

Gerinne-Rechner


= 1,0 ‰
Beispiel: 0,001 = 1 ‰  |  0,005 = 5 ‰
R = A / P (Querschnittsfläche / benetzter Umfang)

Formeln & Grundlagen

Manning-Strickler – Fließformel:
v = kst · R2/3 · I1/2  [m/s]
kst = Strickler-Beiwert [m1/3/s]
R = hydraulischer Radius [m]  |  I = Sohlgefälle [–]
Durchfluss & hydraulischer Radius:
Q = v · A  [m³/s]
R = A / P  [m]
A = Querschnittsfläche | P = benetzter Umfang
Froude-Zahl (Strömungsform):
Fr = v / √(g · Dh)
Dh = A/T (hydraulische Tiefe) | T = Wasserspiegelbreite
Fr < 1: strömendes Fließen (ruhig)
Fr > 1: schießendes Fließen (wild)

Querschnittsformeln
Rechteck:
A = b·y  |  P = b + 2y  |  T = b

Trapez (Böschung m = hor./vert.):
A = (b + m·y)·y
P = b + 2y·√(1 + m²)  |  T = b + 2m·y

Kreis (Teilfüllung, θ in rad):
θ = 2·arccos(1 – 2h/D)
A = D²/8·(θ – sin θ)
P = D·θ/2  |  T = D·sin(θ/2)

Strickler-Beiwert kst (Richtwerte)
Wandmaterial / Zustandkst
Kunststoff, Glas90–100
Beton glatt / Fertigteil80–90
Beton normal70–80
Mauerwerk verputzt55–65
Erdkanal, gut gepflegt40–50
Naturgerinne, klar28–40
Naturgerinne, bewachsen15–28
Umrechnung: kst = 1/n (n = Manning-Beiwert)


Offene Gerinne – Grundlagen der Freispiegelströmung

Was beschreibt die Manning-Strickler-Formel?

Die Manning-Strickler-Formel ist die gebräuchlichste Näherungsformel für die gleichförmige, stationäre Strömung in offenen Gerinnen (Kanäle, Gräben, Flüsse, teils gefüllte Rohre). Sie setzt die mittlere Fließgeschwindigkeit v in Beziehung zu Sohlgefälle I, hydraulischem Radius R und dem Rauheitsbeiwert kst:

v = kst · R2/3 · I1/2
Der Durchfluss ergibt sich zu Q = v · A. Das Sohlgefälle I = Δh/L beschreibt den Höhenunterschied bezogen auf die Gerinnelänge.
Strömungsformen – Froude-Zahl Fr
FrStrömungsform
Fr < 1strömendes Fließen (ruhig, Stau mögl.)
Fr = 1kritisches Fließen
Fr > 1schießendes Fließen (wild)
Strickler vs. Manning

Europa: Strickler-Beiwert kst [m1/3/s]
Angelsächsisch: Manning-Beiwert n [s/m1/3]

Umrechnung: kst = 1/n
Beispiel: n = 0,013 → kst ≈ 77

Querschnittsformen und ihre hydraulischen Eigenschaften

Rechteckgerinne

Einfache Berechnung: A = b·y, P = b + 2y.
Hydraulisch optimal bei b/y = 2 (Halbquadrat): R = y/2 ist dann maximal.

Trapezgerinne

Erdkanäle: m ≥ 1,0–1,5 (Standsicherheit).
Hydraulisch optimal: m = 1/√3 ≈ 0,577 (gleichseitiges Dreieck).
Halber Kreis ist hydraulisch idealer Querschnitt.

Kreisrohr (Teilfüllung)

Max. v bei h/D ≈ 81 %.
Max. Q bei h/D ≈ 94 %.
(Wegen günstigerem R/A-Verhältnis als Vollquerschnitt.)

Rechenbeispiel: Trapezgerinne

Aufgabe:

Erdkanal: Sohlbreite b = 1,5 m, Wassertiefe y = 1,0 m, Böschung m = 1,5, kst = 35 m1/3/s, Sohlgefälle I = 0,0005.

Lösung:
  • A = (1,5 + 1,5·1,0)·1,0 = 3,00 m²
  • P = 1,5 + 2·1,0·√(1 + 1,5²) = 1,5 + 3,606 = 5,106 m
  • R = 3,00 / 5,106 = 0,5876 m
  • v = 35 · 0,58762/3 · √0,0005 = 35 · 0,6805 · 0,02236 = 0,532 m/s
  • Q = 0,532 · 3,00 = 1,60 m³/s
  • T = 1,5 + 2·1,5·1,0 = 4,5 m  → Dh = 3,00/4,5 = 0,667 m
  • Fr = 0,532 / √(9,81·0,667) = 0,532 / 2,559 = 0,208 → strömendes Fließen

Häufige Fragen

Der hydraulische Radius R = A/P ist das Verhältnis von durchströmter Querschnittsfläche A zum benetzten Umfang P. Nur beim Halbkreis-Querschnitt gilt R = y/2. Bei einem sehr breiten Flachgerinne (b » y) gilt näherungsweise R ≈ y. Je größer R, desto geringer die Wandreibung pro Querschnittseinheit – ein großer R bedeutet hydraulisch günstigeren Querschnitt.

Bei h/D ≈ 94 % Füllung erreicht Q sein Maximum, weil der hydraulische Radius R bei Teilfüllung günstiger sein kann als beim Vollquerschnitt (Rvoll = D/4). Die maximale Fließgeschwindigkeit wird bereits bei h/D ≈ 81 % erreicht. Dieser Effekt ist technisch relevant: Überlastete Kanäle verlieren Kapazität, wenn sie von Teilfüllung auf Druckabfluss übergehen.

kst wird durch Material und Zustand der Gerinnesohle und -wände bestimmt. Bei Kapazitätsnachweisen (Nachweis ausreichender Abflussleistung) ist ein kleinerer kst maßgebend (ungünstig – geringere Leistung). Bei Erosionsnachweisen hingegen führt ein höherer kst zur höheren Fließgeschwindigkeit, was ungünstig ist. Norm-Anhaltswerte: DIN EN 752, ATV-DVWK A 110, DVWK-Merkblätter 220.

Die Froude-Zahl Fr vergleicht die Fließgeschwindigkeit mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit von Flachwasserwellen (c = √(g·Dh)). Strömendes Fließen (Fr < 1): ruhig, der Wasserspiegel reagiert auf Rückstau (typisch: Flüsse, Drainagen). Schießendes Fließen (Fr > 1): wild, Informationen fließen nur stromab (typisch: Tosbecken, steile Ableitungsrinnen). Der Übergang erfolgt über den hydraulischen Wechselsprung.

Die Strickler-Formel gilt streng nur für gleichförmige, stationäre Strömung (Normalabfluss: Energieliniengefälle = Sohlgefälle = Spiegelgefälle). Für Rückstau und Wassertiefenänderungen entlang des Gerinnes wird sie abschnittsweise angewendet (Staukurvenberechnung, Differenzialgleichung des veränderlichen Abflusses). Als Näherung ist sie aber auch für mäßig veränderliche Strömung gut geeignet, wenn das lokale Energieliniengefälle eingesetzt wird.

Zusammenfassung

Strickler-Formel

v = kst·R2/3·I1/2
Q = v · A

Hydraulischer Radius

R = A / P
Maß für hydraul. Effizienz

Froude-Zahl

Fr = v / √(g·Dh)
Fr < 1: strömendes Fließen

Typische Anwendungen
  • Siedlungswasserwirtschaft: Auslegung von Freispiegelkanälen (Regenwasser, Schmutzwasser)
  • Wasserbau: Bemessung von Gräben, Verrohrungen, Durchlässen und Hochwasserrinnen
  • Hochwasserschutz: Nachweis der Abflusskapazität von Gewässern und Retentionsräumen
  • Landwirtschaft: Entwässerungsgräben, Beregnungskanäle, Meliorationsanlagen
  • Staudamm- & Talsperrenbau: Tosbecken, Entlastungsrinnen, Überfallkanten
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